Ein Brief an die Führungskraft

Liebe Führungskraft,

ich möchte mich gerne bei Dir melden, weil ich schon lange nichts Positives mehr von Dir gehört habe.

Vor einigen Jahren ging es los, als einige Deiner Kollegen in der Presse auftauchten und seitdem riß der Strom der Negativschlagzeilen über Dein Berufsbild einfach nicht mehr ab. Und in der letzten Zeit habe ich den Eindruck, dass sich einige Kollegen in diesem und dem vergangenen Jahr Ihrer nächsten Stufe der Inkompetenz genähert haben und diese ungeniert in aller Öffentlichkeit ausleben. Jedenfalls erinnert mich ihr Verhalten stark an das von Laurence J. Peter und Raymond Hull beschriebene Verhalten aus „Das Peter Prinzip“.

Diese Exemplare aus Politik, Wirtschaft und dem Bankenbereich sind sicherlich nicht die Führungselite, die mir vorschwebt. In der zahlreichen Managementliteratur gibt es viele Beschreibungen, wie eine Führungskraft sein sollte. Ob Fredemund Malik, Steven Covey, Jim Collins oder Peter Drucker, alle haben klare Visionen und konkrete Ideen, wie Du sein solltest, aber mir scheint, es will sich einfach niemand von Deinem Idealbild eine Scheibe abschneiden.

Jeder trägt doch die Konsequenzen seines Handelns oder Nichthandelns. Also musst Du Dir doch heute schon Gedanken darum machen, was Deine Taten morgen oder übermorgen anrichten. Bist Du anders oder vertrittst Du mittlerweile auch die Ansicht „Nach mir die Sintflut“?

„Was schert mich mein Geschwätz von gestern.“ Sicher klingt es arrogant, aber es ist ehrlich. Warum nur will niemand aus Führungsriegen oder dem öffentlichen Leben, auch mal mit seinen Fehlentscheidungen leben und sich dazu bekennen. Stattdessen rechtfertigen Deine Vertreter ihre vor Jahrzehnten getroffenen Entscheidungen bis aufs Blut, nur um Ihre Glaubwürdigkeit zu behalten. Doch genau das Gegenteil ist doch der Fall. Jeder trifft jeden Tag unzählige Entscheidungen und da muss es auch erlaubt sein, sich zu einer Fehlentscheidung zu bekennen. Stattdessen verstricken sie sich in Ausflüchten, geschönten Darstellungen oder Bagatellisierungen statt einfach einmal zu sagen: „Ich habe Mist gebaut, es tut mir leid“.

Das Ganze, das alledem noch die Krone aufsetzt, ist, Ansprüche geltend zu machen, die dem Großteil der Bevölkerung völlig absurd vorkommen. Oft geht es um Summen, die dem Normalverdiener viel zu abstrakt vorkommen mögen, als dass er sie wirklich verstehen könnte. Zumal die Lücke, die zwischen seinen Einkünften für, nennen wir es ehrliche Arbeit und den Abfindungen für, nennen wir es wenig glanzvolle Auftritte, so derartig klafft, dass niemand mehr verstehen mag, wofür es sich lohnen sollte, ehrliche Arbeit zu leisten.

Liegt es vielleicht daran, dass Deine Kollegen über so lange Zeit in ihrem Elfenbeinturm lebten, dass sie gar nicht mehr wissen, was normales Leben eigentlich ist? Kann es sein, dass sie die Probleme und Herausforderungen ihres Volkes, ihrer Angestellten oder Kunden gar nicht mehr verstehen? Leben sie ein Leben, das so weit weg von den Menschen ist, die sie eigentlich vertreten sollten?

Liebe Führungskraft, ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, sonst hätte ich Dir ja auch nicht geschrieben. Irgendwo gibt es doch Vertreter Deiner Art, die mit positiven Charaktereigenschaften glänzen. Dummerweise spült die Presse immer diese Dilletanten nach oben, die sich dann mit ihrem unbeliebten Verhalten in Sensationsstories – gerade über Abfindungen und Bezüge – über längere Zeiträume dort halten. Wo sind die Berichte über die Menschen mit Werten? Bekommen wir immer nur die ungeschorenen schwarzen Schafe gezeigt, die das Bild vom verantwortungsvollen Manager, Unternehmer und Politiker zum bröckeln bringen? Alle erfolgreichen Künstler bekommen doch auch Auszeichnungen für ihre Arbeit. Oscars, Bambis und wie sie alle heißen. Warum sehen wir in der Yellowpress nicht auch einmal die Vorzeigeführungskräfte, die wir gerne sehen würden. Ottonormalverbraucher liest eben keine Wirtschaftsmagazine. Und so wäre es doch super, wenn Du mit einigen Deiner besten Vertreter einmal in Talkshows oder in der Bildzeitung auftauchen würdest und die Bevölkerung über Deine Arbeit, Deine Art der Führung oder Deine Unternehmenskultur informierst. Aber bitte nicht in Homestories! Das hatten wir schon.

Um es Dir etwas leichter zu machen, dachte ich mir, ich stelle Dir einmal einige, aus meiner Sicht wichtige Charakterzüge zusammen. Nicht, dass ich als Moralist auftreten möchte und verlange, dass jeder zu 100% Prozent diese Attribute erfüllt. Aber es wäre doch grandios, wenn jeder Kollege einige Analtspunkte bekommt, wo seine persönliche Reise hingehen könnte.

Liebe Führungskraft, ich wünsche mir von Dir:

Authentizität

Der Kern der Charaktereigenschaften sollte Authentizität sein. Eine Führungskraft ist authentisch. Sie muss nicht immer sagen was sie denkt, aber sie hat keinen Grund sich zu verstellen. Eine Führungskraft hat keine Hintergedanken und hat Winkelzüge nicht nötig. Sie ist direkt, aber höflich und sagt ihre Meinung ohne zu verletzen.

Werte

Eine Führungsperson hat Werte. Das ist ein sehr abstrakter Begriff, aber eine Führungskraft meiner Vorstellung, denkt nicht nur an sich und das eigene Unternehmen, sie denkt auch an die Folgen ihres Handelns. Entschlüsse, die mit der wirtschaftlichen Situation eines Unternehmens einhergehen, sind immer schnell getroffen. Sind auch die Folgen dieses Handelns kalkuliert oder verfährt man nach dem Prinzip „fire and forget“ und wünscht man sich den kurzfristigen Erfolg?

Größe

Eine Führungskraft ist nicht fehlerfrei. Ganz im Gegenteil. Allerdings lernt eine Führungskraft aus ihren Fehlern und weiss in einem nächsten Fall angemessen auf die Situation zu reagieren. Begeht eine Führungskraft einen Fehler steht sie zu diesem und seinen Konsequenzen. Eine Führungskraft, sollte die Größe haben Fehler oder Meinungsänderungen einzugestehen. Sie benutzt keine Ausweichmannöver oder geschönte Wahrheiten.

Verantwortungsbewusstsein

Eine Führungskraft übernimmt Verantwortung für die Konsequenzen ihres Handelns und redet sich nicht heraus oder verschiebt die Schuld.

Keine Privilegien

Die Führungskraft bekommt zwar eventuell mehr Geld, das auch in mehr Verantwortung begründet ist, aber die Führungskraft nimmt keine Privilegien in Anspruch.

Maßhalten

Eine Führungskraft ist sowohl in ihren Entscheidungen, als auch in ihren Bezügen niemals maßlos. Sie kann Maß halten.

Keine Hybris

Eine Führungskraft redet, egal mit wem, auf Augenhöhe. Eine Führungskraft betreibt niemals „von oben nach unten“ Kommunikation. Ein Gesprächspartner hat immer das Gefühl der Wertschätzung, egal wo er in der Hierarchie eingeordnet ist.

Vertrauen

Eine Führungskraft baut Vertrauen auf. Nur mit gegenseitigem Vertrauen ist ein wirtschaftlich erfolgreiches Arbeiten möglich.

Vorbildfunktion

Eine Führungskraft ist Vorbild. Je weiter oben sie sich in der Hierarchie befindet, desto mehr Personen ist sie Vorbild. Das trifft insbesondere auf in der Öffentlichkeit stehende Personen zu, deren Medienpräsenz ein Vielfaches von Menschen erreicht.

Gerechtigkeitssinn

Ein Führungskraft misst nicht mit zweierlei Maß. Sie ist gerecht und das mit aller Konsequenz.

Ehrlichkeit

Eine Führungskraft ist ehrlich. Sie lügt weder nach oben noch nach unten.

Loyalität

Eine Führungskraft ist loyal. Das ist sie nicht nur ihrem Unternehmen und ihrem eigenen Mangement, sondern im Besonderen auch ihren Mitarbeitern gegenüber.

Mut

Eine Führungskraft ist mutig, was nicht heißt, dass sie jedes Risiko unbedacht eingeht.

Geradlinigkeit

Eine Führungskraft verfolgt einen geraden Weg. Sie gibt nicht ihren Stimmungen nach und lässt sich nicht – jedenfalls nicht wissentlich – manipulieren, sondern verfolgt ihre Ziele.

Kompetenz

Eine Führungskraft sorgt für ihre eigene Kompetenz. Man kann zwar viele Dinge delegieren, aber die Kompetenz Dinge zu entscheiden muss sie sich bewahren.

Engagement

Eine Führungskraft ist engagiert. Sie kann zwar auch ihre schwachen Tage haben, aber im großen Ganzen überwiegt ihr Engagement.

Transparenz

Eine Führungskraft ist Transparent. Sie gibt immer Aufschluss darüber was gerade läuft und beugt so Gerüchten vor.

Durchsetzungsvermögen

Sie muss sich manchmal gegen Mitarbeiter, gegen Vorgesetzte, Vertreter divergierender Interessen, gegen Konkurrenten und manchmal auch gegen Kunden durchsetzen.

Wissbegierde

Eine Führungskraft gibt sich niemals mit dem aktuellen Wissen zufrieden. Sie will möglichst viele Zusammenhänge wissen.

Das ist meine Sicht der Dinge und wie Du in meinen Vorstellungen existierst. Ich denke ich stehe mit dieser Meinung nicht alleine da. Ich würde mich sehr freuen von Dir zu hören. Das nächste Mal vielleicht mit etwas positiverer Presse.

Dein Thomas Büdinger

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